The „Berg“

The „Berg“

Schon die Annäherung an die Drakensberge ist beeindruckend, ja ein wenig furchterregend, wenn man näher kommt. Die „Drachenberge“ sind eine 1500 Meter aufragende Wand, das Escarpment, das sich auf einer Höhe von 3000m über 300 km an der Grenze von Südafrika und Lesotho hinzieht. Aus dem Escarpment können sich in Minuten gewaltige Wolken bilden, die wie Rauchwolken aus dem Schlund von Drachen aussehen – daher der Name.

Nach Lesotho fällt das Escarpment nur leicht ab und bildet ein Hochplateau, das keine technischen Schwierigkeiten zum Durchwandern bereitet.

Entsprechend ist die Tour über die Drakensberge technisch einfach, abgesehen von dem Ein- und Ausstieg über steile Pässe auf die Höhe. Allerdings gibt es auf der Höhe keine Wege und keine Hütten. Auch gibt es nur an wenigen Stellen Wasser. Die größte Gefahr sind aber die schnellen Wetterumschwünge, die durch extreme Gewitter und dichtesten Nebel schnell in kritische Situationen führen können. Entsprechend ist es ratsam, mit einem Führer die Tour zu gehen.

So hatte ich mich im Oktober einer 5 tägigen Durchquerung der nördlichen Drakensberge angeschlossen. Neben dem Führer und einem Träger pro Person fuhren Ferran, ein in Mocambique arbeitender Spanier und Jesse, ein für die WTO arbeitender US-Amerikaner, mit. Unser Führer war Carlos (www.spanafrican-adventures.co.za), ein Spanier, der seine südafrikanische Frau bei einer Radtour von Feuerland nach Alaska kennenlernte und neben Bergtouren in Südafrika auch Fahrradtouren durch das Himalaya veranstaltet. Unsere Führer waren kamen aus einem Dorf am Fuß des Escarpments. Die Wettervorhersage drohte mit 5 Tagen Gewitter und Sturm, wir waren gespannt.

Am Vortag nahm ich die beiden anderen Hiker von Johannesburg zu einem Backpacker in der Nähe des Amphitheaters mit.Am Morgen wurden wir mit einem Kleinbus zu dem Aufstieg zum Sentinel gebracht. An diesem nördlichen Ende der Drakensberge führt der Aufstieg über legendäre „Chain ladders“ auf den Rand des Escarpments. Ein wenig Schwindelfreiheit ist bei dem Aufstieg gefragt.

Am Escarpment angelangt, stehen wir an der 1500 Meter hohen Felswand, die uns die nächsten 5 Tage nicht mehr verlassen wird. Wir sind in der Mitte des „Amphitheatre“, bei dem das Escarpment sich zu einem gewaltigen Halbrund von 10 – 20 km Durchmesser formt. Es braucht ein wenig Zeit, um sich am Rande des Abgrunds wohl zu fühlen, zu gigantisch sind die Dimensionen. Der Tugela-Wasserfall stürzt sich über die Kante für mehr als 600 Meter in die Tiefe, der vierthöchste Wasserfall der Welt. Beim Mittagessen machte dann das Wetter ernst und sandte die ersten Schauer über das Escarpment.

Zum Glück gibt es eine verfallene Berghütte, die etwas Schutz bietet. Nachdem das Schlimmste vorbei war, machten wir uns in Nebel und leichtem Regen auf den Weg zum ersten Übernachtungsplatz in der Nähe der Ifidi Pinnacles. Die Zelte ließen sich gerade noch im Trockenen aufbauen. Kaffee und Rusks wärmten bei nur knapp 10 Grad auf. Dann setzten sich über Nacht die Wolken fest und es gab in der Nacht immer wieder Regen. Die Temperaturen sanken jede Nacht auf knapp über den Gefrierpunkt. An einem Morgen war die Zelthaut vereist. An den Morgen gab es jeden Tag ein ähnliches Bild. Nach den Regenschauern in der Nacht blies der kräftige Westwind die Wolken vom Escarpment weg. Wir wanderten bei heftigen Wind und Sonnenschein, die Wolken hingen fest am Rand des Felsabbruchs und Südafrika versank im Regen. Über den Wolken, da muss die Freiheit ….

Die beiden nächsten Tage boten Sonne, starken Wind und leichten Regen im Wechsel.

Das zweite Nachtlager war bei der „Madonna and her Worshippers“, eine Gruppe von mehreren hundert Metern aufragenden Felszacken. Am Tag ging es über die hügelige Hochebene entlang. Der Blick nach Lesotho streifte über die Hochebene und nach Südafrika über endlose Wolken. Am Vormittag kamen wir an dem ersten begehbaren Pass vorbei, der bei sehr schlechtem Wetter die Flucht in das Tal ermöglicht hätte. Von dem Pass kam ein sichtbarer Weg nach oben, ein Indiz für den nicht unbedeutenden Grenzverkehr – vermutlich zum Schmuggel von Marihuana, das in den Bergdörfern angebaut wird. Die Tour geht auf dem Escarpment. Immer wieder geht es kleinere Anstiege hinauf und kleine Täler hinein, so dass jeden Tag um die 1000 Höhenmeter zu bewältigen sind. Mit Hilfe der Träger beschränkt sich aber mein Tourenrucksack auf knapp 10 kg, so dass die 12 – 17km langen Etappen gut zu bewältigen sind.

Die dritte Nacht verbrachten wir dann auf der Hochebene in der Nähe der Mnweni Pinnacles. Ein kleiner Bach entspring hier, es ist der Ursprung des größten südafrikanischen Flusses, dem Orange River.

 

Am Morgen klärten nun auch die Wolken über der Ebene auf. Vom Escarpment geht der Blick 2000 Meter in die Tiefe und 50 km in die Weite. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, da nicht wie in den Alpen die nächste Bergkette die Weite beschränkt, sondern das Land in seiner Unbegrenztheit zu erleben ist. Was ist das richtige Wort dafür; erheben?

 

Der Vormittag bot zweimal die Möglichkeit große Kolonien von Cape Vultures von oben zu betrachten. Die riesigen Geier drehten über uns ihre Kreise. Wir sahen bis in die Nestplätze hinein und bestaunten die Fütterung der Jungen. Nachdem sich die Geier an unsere Anwesenheit etwas gewöhnt hatten, kreisten sie immer näher und auch die riesigen Lämmergeier (bearded vultures) kamen im Abstand von nur 10 Meter vorbeigeflogen. Ein unglaubliches Erlebnis, diese beiden riesigen Vögelarten mit bis zu 2 Meter Spannbreite in der Hochgebirgswelt zu beobachten. Für mich der Höhepunkt der Wanderung.

Die letzte Nacht wollten wir  in einer Höhle beim Cathedral Peak verbringen, aber wieder ließen es die ab späten Nachmittag aufziehenden Wolken nicht zu. Ein Bad im Gebirgsbach ließ die Mühen vergessen. Am nächsten Morgen wollten sich die Wolken nicht mehr verziehen, so dass der geplante Abstieg über die ausgesetzte Belle Terrasse durch einen langen, harten Abstieg über einen Pass zum Cathedral Peak Hotel ersetzt werden muss.

5 Tage in der afrikanischen Bergwelt, konstant auf 3000 Metern, keine Spuren, kein Mensch, einige Geier und zur Linken das bis zu 2000 Meter tiefe  Escarpment.

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